Blank Page. Cursor blinkt. Du sitzt am Klavier, an der Gitarre oder vor deinem Notebook – und es kommt nichts. Das ist kein Talent-Problem. Das ist ein Ritual-Problem. Die gute Nachricht: Du brauchst keine Muse, die pünktlich auftaucht. Du brauchst Werkzeuge, die sie ersetzen. Hier sind vier Übungen, die ich selbst nutze – und die du noch heute ausprobieren kannst.
ABC-Listen: Wortschatz aktivieren ohne Google
ABC-Listen sind das schnellste Werkzeug, um herauszufinden, welche Wörter du zu einem Thema wirklich im Kopf hast – direkt aus dir heraus, ohne Recherche, ohne Ablenkung.
Diese Technik habe ich von Tobias Reitz gelernt und seitdem nicht mehr aus meinem Repertoire weggedacht. So geht es:
- Nimm ein leeres DIN A4-Blatt und schreibe das Alphabet untereinander: A, B, C … Z.
- Schreibe dein Thema oben drüber – zum Beispiel „Abschied“, „Nacht in der Stadt“ oder „erstes Mal verliebt“.
- Stelle einen Timer auf 5 Minuten und schreibe zu jedem Buchstaben ein Wort, einen Ausdruck oder eine kurze Phrase – alles, was dir spontan einfällt und mit diesem Buchstaben beginnt.
Beispiel für das Thema „Abschied“: A – Aufbruch, B – Bahnsteig, C – Chanson ohne Ende, D – Dunkel auf dem Gleis … Du musst nicht jeden Buchstaben füllen. Aber du wirst überrascht sein, wie viel in dir steckt, das du nie abgerufen hast.
Am Ende liegt kein Google-Ergebnis vor dir – sondern dein eigener Wortschatz. Das ist der Unterschied zwischen Recherche und Resonanz.
ABC-Liste in 5 Minuten
Schreib das Alphabet auf ein Blatt, dein Thema ganz oben, Timer auf 5 Minuten – und los. Kein Durchdenken, kein Zensieren. Was auch immer kommt, kommt.
OH-Karten: Kreativität in die Hand gelegt
OH-Karten sind ein Satz Bild- und Wortkarten, ursprünglich aus der Therapie – und eines der vielseitigsten Songwriting-Werkzeuge, das ich kenne. Kreativität entsteht immer dann, wenn zwei unterschiedliche Dinge aufeinandertreffen: In diesem Fall kombinierst du ein visuelles Bild mit einer Songidee – und was dabei herauskommt, hättest du allein nie so gedacht.
Ich nutze die Karten auf zwei Arten, je nachdem, wo ich in der Session stehe.
Die Hook Maschine
Nimm einen Stapel Bildkarten, lege sie verdeckt vor dir hin und starte den Timer. Dann deckst du die Karten eine nach der anderen auf – und zu jedem Bild suchst du sofort eine Titelzeile: Wie könnte ein Lied klingen, das zu diesem Bild passt? Welches Gefühl, welche Geschichte steckt darin?
Das Ziel ist Geschwindigkeit. Kein Durchdenken. Kein „Aber das klingt komisch.“ Du bist eine Hook-Maschine auf Zeit – und das ist genau richtig so.
Assoziatives Schreiben
Wenn du schon ein Thema für deinen Song hast, wird es noch interessanter. So funktioniert es:
- Schreibe dein Thema oben auf die Seite.
- Nimm drei Bildkarten und drei Wortkarten – verdeckt, nicht anschauen.
- Stelle einen Timer auf 5–10 Minuten.
- Decke eine Wortkarte und eine Bildkarte gleichzeitig auf – und schreibe drauflos. Was verbindet beides mit deinem Thema? Was kommt dir in den Sinn?
- Nach ein paar Minuten: nächstes Paar aufdecken, weiterschreiben.
Oft findest du dabei Formulierungen, auf die du allein nie gekommen wärst. Oder du tauchst plötzlich tief in das Thema ein und findest einen Angle, der den Song erst wirklich interessant macht.
OH-Karten auf der offiziellen Website bestellen.
— Warum OH-Karten funktionieren
Morning Pages: Den Kopf leeren, bevor du anfängst
Morning Pages – oder wie ich sie gern nenne: der Kaltstart – sind eine Schreibübung mit einer einzigen Regel: Du darfst 10 Minuten lang nicht aufhören zu schreiben.
Du schreibst über alles, was dir gerade durch den Kopf geht. Den Kaffee, der noch zu heiß ist. Den Text, der gestern nicht funktioniert hat. Dass du eigentlich keine Ideen hast. Was auch immer auftaucht – es landet auf der Seite. Kein Richtig, kein Falsch, kein innerer Kritiker, der etwas dagegen haben könnte. Denn es ist ja sowieso egal.
Und genau deshalb ist diese Übung so mächtig. Du schüttest den mentalen Ballast aus, bevor er deine Session blockiert. Und weil du schon geschrieben hast – auch wenn es Unsinn ist – hast du das erste Hindernis des leeren Blatts bereits überwunden. Du belohnst dich mit deiner eigenen Arbeit.
Diese Technik stammt aus The Artist’s Way von Julia Cameron – einem der einflussreichsten Bücher über kreatives Arbeiten, das ich kenne. Sehr empfehlenswert, wenn du tiefer einsteigen willst.
Der Kaltstart: 10 Minuten ohne Pause
Timer auf 10 Minuten, Stift auf Papier – und los. Kein Thema, keine Agenda, kein Zensieren. Schreib alles, was kommt, bis der Timer klingelt.
Bonus: Schimmeltexte – der schönste Unsinn
Schimmeltexte sind mein persönlicher Geheimtipp – und vielleicht die Übung, die am meisten Spaß macht, weil sie so absurd ist.
Jeder kennt das: Du fängst einen Song an und hast erst Kauderwelsch statt echter Wörter. Der Trick mit Schimmeltexten geht einen Schritt weiter. Du schreibst bewusst einen Text, der formal in den Song passt – das Metrum stimmt, die Reime sind da, die Silben sitzen – aber der inhaltlich absolut keinen Sinn ergibt. Je blödsinniger, desto besser.
Das befreit dich von zwei Dingen auf einmal. Erstens: kein innerer Kritiker. Es darf ja schlecht sein, es soll sogar schlecht sein. Zweitens: Du hast schon etwas geschrieben. Die Struktur steht, das Metrum ist gesetzt, du bist mit dem Song in Kontakt. Jetzt kannst du anfangen, echte Wörter einzusetzen – und die klingen dann oft überraschend gut, weil sie ins selbe rhythmische Raster passen.
Dein Ritual – so fängst du heute an
Du brauchst nicht alle vier Übungen auf einmal. Such dir eine aus – und probiere sie in der nächsten Session aus.
Mein persönlicher Starter: 10 Minuten Morning Pages, dann ABC-Liste zu dem Thema, über das ich schreiben will. Wenn der Motor läuft, brauche ich nichts weiter. Wenn ich feststecke, kommen die OH-Karten raus. Und wenn wirklich gar nichts funktioniert, schreibe ich einen Schimmeltext – und lache dabei meistens laut auf.
Das ist ein Ritual, das funktioniert. Nicht weil es magisch ist, sondern weil es dir den ersten Schritt abnimmt. Und der erste Schritt ist der einzige, der wirklich zählt.
Häufige Fragen
Was mache ich, wenn mir bei der ABC-Liste zu manchen Buchstaben nichts einfällt?
Lass diese Buchstaben frei und mach weiter. Der Wert der Übung liegt nicht darin, jede Zeile zu füllen, sondern darin, deinen eigenen Wortschatz ohne externe Hilfe zu aktivieren. Fünf starke Wörter sind mehr wert als 26 erzwungene.
Brauche ich ein bestimmtes OH-Karten-Set für diese Übungen?
Das klassische OH-Set mit Bild- und Wortkarten reicht vollkommen aus. Es gibt verschiedene thematische Sets, aber für Songwriting-Zwecke funktionieren die neutralen Bildkarten am besten – sie lassen den meisten Interpretationsspielraum.
Muss ich Morning Pages handschriftlich schreiben?
Julia Cameron empfiehlt handschriftliches Schreiben, und ich würde dem zustimmen. Handschrift verlangsamt dich auf eine gute Weise und verhindert, dass du anfängst zu redigieren statt zu schreiben. Wenn du aber nur am Laptop arbeitest, ist das auch in Ordnung – wichtiger ist, dass du die 10 Minuten durchhältst.
Funktionieren Schimmeltexte auch, wenn ich schon einen Songtext habe?
Ja, sogar besonders gut. Wenn du an einer bestimmten Stelle feststeckst – zum Beispiel dem zweiten Pre-Chorus oder der Bridge – schreib dort einen Schimmeltext hinein, der metrumsgerecht aber inhaltlich unsinnig ist. Dann tausche Wort für Wort gegen echte Begriffe aus. Du wirst überrascht sein, wie viel schneller du fertig bist.
Wie lange dauert ein vollständiges Songwriting-Ritual?
Morning Pages sind 10 Minuten, die ABC-Liste 5 Minuten, OH-Karten je nach Timer-Einstellung 5–15 Minuten. Du kannst in unter 30 Minuten vollständig bereit für eine echte Schreibsession sein – das ist mehr als die meisten Songwriter investieren, bevor sie frustriert aufgeben.
